Eine von mehreren Betroffenen berichtet über ihr Leben nach dem Bau einer Aluminiumgießerei

Den  Erfahrungsbericht musste ich im Wald verfassen, da ich mich zu Hause nicht konzentrieren kann.

1974 haben wir in einem allgemeinen Wohngebiet ein Reihenhaus erworben. 1979 wurde an das Wohngebiet angrenzend (von uns 340 m entfernt) eine Aluminiumgießerei errichtet.

Seit 2002 nehme ich Luft- und Körperschall im Infraschallbereich (z.B. 16 Hz) in unserem Haus wahr. Nach vielen Gesprächen mit der Firma und der zuständigen Behörde haben wir 2004 Klage beim Zivilgericht Waldshut eingereicht. 2012 haben wir den Prozess verloren.
Vibrationen wurden durch das Landesamt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg gemessen. Die Schallmessung nach DIN 45680 ergab einen Unterschied zwischen einer Vergleichsmessung A und C über 20 dB, jedoch beide Werte lagen unter der sog. Wahrnehmungs- bzw. Hörschwelle.

Durch den Prozess haben wir erfahren, dass die ganze Werkhalle der Gießerei vibriert und, dass im Keller ein „Rüttler“ auf bloßem Beton ohne jegliche Schwingungsdämpfung aufgestellt ist, und auch im Erdgeschoss mehrere Maschinen Körperschall erzeugen. Das entspricht sicher nicht dem Stand der Lärmschutztechnik.

Seit 2002 hat sich mein Leben grundlegend geändert. Entweder habe ich ein stark wummerndes Dröhnen mit Druck auf den Ohren, oft auch Ohrenschmerzen, Kopfschmerzen, Schwingungsgefühl im Kopf und Gleichgewichtsstörungen, oder die meiste Zeit habe ich ein Dröhnen wie ein tiefes Pressluftbohrergeräusch mit den genannten Symptomen, zusätzlich mit starken Vibrationen und Pulsationen im Körper, die zu Panik, Unruhe und Angstgefühlen mit Schweißausbrüchen, verlangsamte Atmung und Verspannung führen. Ich bekomme einen Rhythmus aufgezwungen und kann die Beine nur mit Anstrengung ruhig halten. Ich kann mich nicht konzentrieren, bin gereizt und gestresst.

Oft schlafe ich auf der Couch im Wohnzimmer bei laut eingestelltem Fernsehapparat oder bei lauter Radiomusik. Nach 2-3 Stunden wache ich wieder auf und schlafe lange nicht mehr ein. In meinem Bett kann ich nur einschlafen, wenn ich vor Erschöpfung fast umfalle (das heißt nachts um 3-4 Uhr). Morgens wache ich depressiv verstimmt mit lautem Pfeifen auf einem Ohr auf.

Wenn ich an einem anderen Ort bin, brauche ich mindestens 1 Stunde, bis die Symptome verschwinden, nehme aber den Infraschall z.B von Tiefkühltruhen in Geschäften und auch von Autos viel stärker körperlich wahr, als das früher der Fall war.

Anfangs ging ich zu einer Umweltärztin, die meine ILFN-Empfindlichkeit auf eine Übersäuerung des Körpers zurückführte. Die Behandlung war ohne Erfolg und ich habe sie abgebrochen. Mein Hausarzt, der selber kurze Zeit in dem Wohngebiet wohnte, hat mir die Belastung geglaubt, ist aber ratlos. Er hat mir ein Antidepressivum verschrieben, das ich 12 Jahre genommen habe. Auch in der Umweltmedizin der Universität Freiburg sind sie ratlos, sagten mir nur, dass mehrere Betroffene von ILFN Rat suchten. Selbst halte ich meinem Blutdruck durch Kneipp'sche Anwendungen im Normalbereich.

Erholung, Entspannung, Lebenslust und Lebensfreude sind mir gänzlich vergangen. Ein selbstbestimmtes Leben, eine gesunde Lebensführung, ein Familienleben, soziale Kontakte sind mir nicht mehr möglich. Zum Glück bin ich im Ruhestand, ich wäre nicht arbeitsfähig. Infraschall empfinde ich als furchtbare Gewalt, die auf mich ausgeübt wird.

Unser Haus können wir nur mit Verlust verkaufen. Vom zuständigen Regierungspräsidium können wir keine Hilfe erwarten. Wir haben den Bescheid erhalten, dass sie für uns nichts tun werden, wir sollten klagen. Einen Prozess können wir uns nicht mehr leisten. Er würde sicher wieder Jahre dauern, das Ende würden wir wohl nicht mehr erleben.

Es sind mir noch mehrere Betroffene bekannt, die unter den Einwirkungen erheblich leiden, und die auch dazu stehen.

 

S. W.