Erfahrungsbericht von Nicole Feja

Erfahrungsbericht von Nicole Feja

Seit Ende Juni 2013 bin ich tieffrequentem Lärm ausgesetzt.

Auf der Suche nach den Ursachen

Wir bewohnen seit 17 Jahren eine Eigentumswohnung im 3. OG in Herten-Scherlebeck (NRW) und liegen jetzt etwa 120m Luftlinie von einem Blockheizkraftwerk, BHKW, entfernt (etwa 2010 erbaut, da war mir das kommende Problem noch nicht mal ansatzweise bewusst und Inbetriebnahme für "meine Ohren" Juni 2013).
Zwischen unserem Haus und dem BHKW befindet sich nichts.

Ich hatte anfangs das Heizwerk überhaupt nicht in Verdacht, sondern suchte in unserem Haushalt und Haus nach einer möglichen Ursache.
Nach einiger Recherche stellte sich dann aber doch raus, dass das BHKW die Ursache ist, da alle Indizien zutrafen:

Die Auswirkungen von tieffrequentem Lärm emittiert durch ein BHKW

Schallausbreitung über die Luft, daher auch schlecht zu lokalisieren; keine Geräuschreduktion durch Ohrstöpsel (sogar Verstärkung);
durchgängiges, leicht schwingendes Geräusch, ähnlich wie ein Helikopter oder eine Turbine; ein Gefühl des Drucks von links oben;
Verstärkung des Geräuschs durch geschlossene Fenster; kein Überdecken möglich durch TV oder Musik (ohne Kopfhörer),
lediglich durch weißes/braunes/rosa Rauschen; psychische und physische Beeinträchtigungen.

Ich weiß, dass nicht jeder diese Tieffrequenzen hören kann, aber ich tue das leider und empfinde sie als Folter, weil sie durchgängig mein Leben enorm beeinträchtigen.
Ich weiß schon gar nicht mehr, wie meine Wohnung sich „leise“ angehört hat.

Ignorante Ämter und Behörden lassen Betroffene vor die Wand laufen

Wir haben eine Odyssee mit Ordnungsamt, Stadtwerken, Kreisverwaltung, Bürgermeister und LANUV mit Telefonaten, E-Mails und Messungen hinter uns.
Die Messungen durch das LANUV ergaben 21db, die weiteren Berechnungen lagen anscheinend im zulässigen Bereich der z.Z. gültigen TA Lärm bzw. der DIN 45680.

Zum Lärmproblem an sich kommt das ständige Auseinandersetzen mit dieser Angelegenheit und dem schließlichen Nichtserreichen, den nicht vorhandenen
finanziellen Mitteln, weitere Maßnahmen zu ergreifen: Anwalt, der sehr wahrscheinlich wegen der bestehenden DIN auch nichts erreichen würde; Einschalten eines
Gutachters für eine 24h-Messung - wovon uns das LANUV ausdrücklich abgeraten hat: „Der kostet nur viel Geld und das Gutachten besitzt keine rechtliche Relevanz“ *-
und die ständige Recherche nach anderen Möglichkeiten, die sich aber nicht ergeben oder aber falsche Hoffnungen wecken.

Anm. Windwahn: Warum nur? Das LANUV in NRW hat allen Grund seinen eigenen Messungen zu mißtrauen - siehe offizielle Messungen hier - und wenn dann Betroffene
Ergebnisse unabhängiger Messinstitute vorlegen werden die Unzulänglichkeiten der offiziellen Messungen deutlich.

Das hat dazu geführt, dass ich mich mittlerweile in einem Zustand völliger Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit befinde, da dieser Terror mein gesamtes Denken und Leben beherrscht.
Ich bin der Meinung, dass ein Mensch auch Rechte hat und so einer Folter nicht schutzlos ausgeliefert sein darf.

Stadtwerke: Tricksen und Tarnen - Transparenz sieht anders aus

Dazu kommt der Umgang mit diesem Problem "Stadtwerke Herten":
Die schwanken zwischen „das BHKW ist nicht Ursache des Schalls“ und „alle Möglichkeiten zur Schalldämmung sind ausgeschöpft“.
Das entspricht natürlich nicht der Wahrheit, denn über die wirklich eingesetzten Mittel bzw. die noch technisch möglichen schweigt man sich aus
bzw. dazu gibt es keine bis widersprüchliche Angaben:
Wie viele Schalldämpfer?, Welche Art von Schalldämpfern? Kulissenschalldämpfer? Absorptionsschalldämpfer? Resonanzschalldämpfer? Abgas-Schalldämpfersystem? schallabsorbierende Auskleidung?, Einhausung?, Einschalung?, Maßnahmen zur Schallentkopplung?

Die Stadtwerke haben im Vorfeld der Inbetriebnahme und während des Baus 2 Klagen von anderen Anwohnern verloren (bezüglich Baugenehmigung und Bebauungsplan), das führte wenigstens zu einem Baustopp und einer verspäteten Inbetriebnahme. Das BHKW wurde am Rande einer neu entstandenen Siedlung "Hertener Siedlungen sonne+" gebaut; aus den Unterlagen der Klagen geht hervor, dass dies absichtlich geschah:
hätte man es in die Mitte der neuen Siedlung gesetzt, hätte man es mit geringeren Immissionen betreiben müssen, dann wären nämlich die neuen Siedler betroffen gewesen und nicht, wie jetzt, bereits dort lebende Anwohner…!
Übrigens waren die Stadtwerke im Vorfeld über ALLE Messungen (mind. eine davon war prognostisch…) informiert - ein Schelm, der Böses dabei
denkt…

Die Grundstücke um das BHKW ließen sich bis auf eines bis heute interessanterweise allesamt nicht verkaufen.

Interessenskonflikt: Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke
Bürgermeister: Er hat sich nach einer mehrere Unterpunkte umfassenden Anfrage im Rat nur sehr schwammig geäußert: keine der Fragen wurden
korrekt bzw. komplett beantwortet. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Herten ist seine Position zu diesem Thema wohl klar.

Untere Emissionsschutzbehörde - naiv oder raffiniert?

Untere Emissionsschutzbehörde: Die waren zwar sehr nett, aber nicht sehr informiert. Der Kontakt zum LANUV wurde nach einfacher Messung
ihrerseits hergestellt, das Ergebnis ist bekannt.
Zudem würden wir ja auch „sehr ruhig wohnen, da könnten solche Geräusche schon mal mehr ins Gewicht fallen“!
Das tut mir wirklich sehr leid, dass wir so dumm waren und in ein Naherholungsgebiet gezogen sind! Wie konnten wir nur…!

Vermeintlich wissenschaftlicher "Test" wird als Beweis gewertet: Laut Behörde ist BHKW unschuldig am Brummton

Als weiteres Highlight meines Martyriums wurde ich einem Test unterzogen:

Ich sollte den Zeitpunkt der Abschaltung des BHKW bei Betrieb nennen.
- Punkt 1: ich sah mich nach fast 4 monatiger Dauerbeschallung dazu eigentlich gar nicht mehr in der Lage,
- Punkt 2: ich bin kein physikalisches, geeichtes Messinstrument und
- Punkt 3: das BHKW war zum Testzeitpunkt angeblich schon abgeschaltet, ich hätte also erkennen müssen, wann es wieder eingeschaltet wird.

Diese Information wurde mir aber erst nach diesem „Test“ mitgeteilt.
Es gab keine Baseline, keinen mehrfachen Vergleich zwischen „AN“ und „AUS“, kein geeichtes Messgerät, keine ehrliche Antwort auf meine Frage:
„Sie stellen es gleich aus? Darauf kann ich mich verlassen?“, sondern nur 15 Minuten sitzen, lauschen und verzweifeln, dass ich diesen Test unbedingt bestehen müsse.

Das diese „Beweisführung“ jede wissenschaftliche Objektivität, Validität und Reliabilität vermissen ließ, ist offensichtlich.
Aber sie wurde als Beweis gewertet: das BHKW verursacht nicht „mein“ Brummen…

Ahnungslosigkeit und Unfähigkeit des Hausarztes

Hausarzt: Hat von all dem noch nichts gehört, weder vom BHKW noch von den Auswirkungen von tieffrequentem Schall, und behandelt mich
schulmedizinisch mit blutdrucksenkenden Mitteln und einem Neuroleptikum gegen die Angstzustände (macht man heute eigentlich auch nicht mehr…!).
Ich hatte mehr erwartet, aber wieder mal eine Enttäuschung.

Bittere Konsequenzen für die Gesundheit und fürs ganze Leben

Ich kann nur bestätigen, dass es zu hohen physischen und psychischen Einschränkungen kommt, da ich das tieffrequente Brummen deutlich höre.
Ich muss mich auch nicht darauf konzentrieren, sondern es ist 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, da.
Die Situation mit allen Auswirkungen macht depressiv, ein ständiger Gefühlswechsel von Hilflosigkeit, Aggression, Frustration und Lethargie.
Die physiologischen Effekte sind Herzrasen, Bluthochdruck, Palpitationen, Schwindel, Angstgefühle und Atemnot.

Ich muss mich in meinen eigenen vier Wänden selber dauerbeschallen (TV, Musik); Lesen geht auch nur mit Naturgeräuschen auf den Ohren und nachts gibt es 2 Möglichkeiten: entweder ich schlafe vor Erschöpfung im Wohnzimmer auf der Couch bei laufendem Fernseher ein oder ich wage mich ins Schlafzimmer (dort ist es meiner Meinung nach am lautesten) und schlafe mit Kopfhörern und Naturgeräuschen ein (vorher habe ich mit rosa Rauschen geschlafen, das scheine ich mittlerweile gar nicht mehr zu vertragen).
An ein normales Leben ist nicht zu denken.

Ich befand mich während der Anfänge des Brummens mitten im Diplom und jede Art von Stress war ausschließlich dem Lärm des BHKW geschuldet.
Manchmal frage ich mich, wie ich es trotzdem geschafft habe.
Nicht zu vergessen ist die Angst vor Spätfolgen durch den andauernden Stress.

Selbstzweifel weiterer Betroffener verhindern gemeinsames Vorgehen

Ich bin nicht die einzige Betroffene hier, es gibt mind. noch 2 weitere Personen. Aber selbst da gestaltet sich der Dialog manchmal schwierig.
Mancher hat anscheinend das Gefühl, er wäre von „esoterischem Firlefanz“ betroffen und nicht von einer nachweisbaren physikalischen Kraft, gerade
wohl auch, weil es nicht alle in der Form wahrnehmen und „man solle sich nicht so anstellen“.
Keine Ahnung, warum man sich nicht zusammenschließen kann...
Zumal jede Recherche, jede Auseinandersetzung mit dem Thema Zeit und Nerven kostet – ich kann mir durchaus schönere Hobbies vorstellen.

Aufklärung statt Flucht

Ein Auszug aus unserer Eigentumswohnung kommt allerdings sowohl aus finanziellen als auch persönlichen Gründen nicht in Frage.
Ich werde auf jeden Fall nicht kampflos aus dieser Situation rausgehen!

Dipl.-Psych. Nicole Feja
45701 Herten

 

 

Mit Dank an Nicole Feja für diesen ebenso mutigen, wie erschütternden Erfahrungsbericht!

Er erinnert uns an viele unserer eigenen Erlebnisse und an die Auswirkungen der Folter von WKA, die sich von der durch BHKW nicht nennenswert unterscheiden, wie der Abgleich der Symptome zeigt.

Frau Feja endet mit einem trefflichen Zitat:

Schon Martin Luther sagte: „Auf fremden Arsch ist gut durchs Feuer reiten.“

 

Dazu ein Artikel in der HAZ vom 12.02.2014

"Ein Brummen, das nie aufhört"

Sowie vier Leserbriefe zum Artikel

"Auswirkungen der BHKW erst einmal klären"

Blockheizkraftwerke stilllegen, bis es verlässliche Studien gibt

Ich kann mein Haus nicht einfach an den Nagel hängen und damit wegziehen

Betreiber von BHKW müssen ihrer Verantwortung gerecht werden