Aus dem Sennheiser Geschäftsbericht 2011
(Original leider nicht mehr verfügbar)

Das geheime Schwingen der Städte

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Am Stadtrand zwischen Dortmund und Bochum kehrt in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 2011 die Lehrerin A. F. in ihr Haus zurück, das sie ein Jahr zuvor fluchtartig verlassen hat, um dem Brummton zu entkommen. Professor Detlef Krahé von der Bergischen Universität Wuppertal hat ihr Doppelbett auf Kopfhöhe mit einem Mikrofon ausgerüstet, das bis fünf Hertz tief sensibel ist, und es an ein Schallpegelmessgerät angeschlossen. Parallel führt die Betroffene ein Lärmprotokoll, in dem sie vermerkt, wann der tiefe Ton sie in welcher Intensität belästigt. Den Professor für Nachrichtentechnik treibt wissenschaftliche Neugierde in das private Schlafzimmer: Ist messbar, was die Lehrerin hört? Und wenn ja: Wann tauchen die Geräusche auf und mit welchen Pegeln?

Die 59-jährige Lehrerin mit dem dunklen Lockenkopf hatte sich 2005 ein Reihenhaus mitten im Ruhrgebiet gekauft. Mitte September 2007 schreckte sie nachts plötzlich aus dem Schlaf hoch, da hörte sie es zum ersten Mal: „Wummwummwumm“, brummt sie mit tiefer Stimme, „als würde ein Lkw mit laufendem Motor vor dem Haus stehen.“ Zudem spürt sie Vibrationen, die ihr durch Mark und Bein gehen. Tagsüber wird der lästige Basston manchmal schwächer. Nur wenn sie ihr Haus verlässt, verschwindet er. Seltsam: Die anderen Bewohner des Hauses bemerken davon nichts.

A. F. lässt systematisch die gesamte Haustechnik überprüfen. Nichts. Erst ein Baubiologe äußert den Verdacht: „Infraschall“. Mit ausgestrecktem Finger zeigt die Lehrerin durch ihre Fensterfront: „Da steht es, das Corpus Conflicti.“ Die Lagerhalle sei im Sommer 2007 mit einem neuen Kühlsystem ausgerüstet worden, damals hätten die grässlichen Töne und körperlichen Beschwerden begonnen. Im Februar 2010 hält sie es nach monatelanger Schlaflosigkeit nicht mehr aus. Sie flieht aus ihrem Haus, kommt nur noch gelegentlich zum Blumengießen zurück – oder zu den Messungen von Krahé.

Ob in Deutschland, Dänemark oder Kanada, weltweit haben sich Menschen, die Brummtöne hören, zusammengeschlossen. Sie gründen Vereine, Bürgerinitiativen und Internetforen, holen Umweltbehörden und Wissenschaftler ins Boot und dokumentieren den Stand der Forschung. Sie wollen ihr Leiden beenden und nicht länger als Spinner hingestellt werden, weil sie etwas hören können, was die meisten Menschen nicht wahrnehmen. Die leidgeprüften Bewohner der Kleinstadt Taos in New Mexico hatten in den Neunzigerjahren sogar erreicht, dass sich der US-Kongress mit den lästigen Tönen beschäftigte, die als „Taos Hum“ in die Fachliteratur eingingen. Die Ursache wurde nie gefunden: „Das ist, wie einen Kriminalfall zu lösen“, beschreibt Krahé die schwierige Fahndung nach Verdächtigen, die als Verursacher infrage kommen.

- Klimaanlagen erzeugen oft Resonanzen, die denen tief gestimmter Orgelpfeifen ähneln -

Krahé hat seine Messungen bei A. F. ausgewertet: „Bei Schwingungen um 20 Hertz und um 40 Hertz kann ich bei einem Pegel von 33 Dezibel deutliche Spitzenwerte erkennen“, erläutert er, „aber auch unterhalb von 20 Hertz sind Geräuschanteile vorhanden.“ Geräusche? Eigentlich gelten Frequenzen unter 20 Hertz als unhörbar. Führen die offiziellen Richtwerte also in die Irre? Krahé fügt mit einem leisen Seufzen hinzu: „Alle Werte liegen deutlich unter der Wahrnehmungsschwelle nach der Infraschall-DIN 45680.“ Akustiker an der Universität im dänischen Aarlsborg kommen zu ähnlichen Ergebnissen wie Krahé. Sie messen die Wirkung von Infraschall auf den Menschen seit Jahren in ihrer Infraschalldruckkammer. Das überraschende Ergebnis, das viele andere internationale Studien und Experimente bestätigen: Die Wahrnehmung des Menschen geht unterhalb der bislang definierten Hörschwelle von 20 Hertz weiter. Sensible Menschen können bei hohen Pegeln sogar Frequenzen von wenigen Hertz spüren. Das ist in etwa so, wie man bei offenem Fenster in einem fahrenden Auto das Flattern wahrnimmt. Unter 20 Hertz gibt es zwar keine Tonhöhenempfindung mehr, Schallempfindung hingegen schon. Zumindest für manche Menschen. Trotz aller Studien bleiben viele Fragen offen. Vor allem die gesundheitlichen Auswirkungen von Infraschall sind noch nicht ausreichend erforscht.